Kinderwagen vor Stadtlichtern

Klimafreundlich fortbewegen in Köln – ein Selbstversuch mit Kind

Flexitarisch essen, fortbewegen und leben

Seit einigen Jahren bezeichne ich mich selbst als Flexitarierin. Das bedeutet unter anderem, dass ich mich zwar nicht konsequent vegan oder vegetarisch ernähre, jedoch meinen Fleisch- und Fischkonsum auf maximal zwei Tage pro Woche reduziert habe. Außerdem versuche ich darüber hinaus, nach bestem Gewissen auf die Herkunft meiner Lebensmittel in puncto Nachhaltigkeit und Fairness zu achten. 

Da Klimaschutz natürlich nicht nur eine Frage der Ernährung ist, habe ich nach und nach auch viele weitere Gewohnheiten umgestellt, zum Beispiel bei Alltagsthemen wie Hygiene, Müll und Fortbewegung. 

Klimafreundlich fortbewegen – was bedeutet das eigentlich?

Zum Beispiel:

  • Nutze Car-Sharing-Angebote, statt dir ein eigenes Auto anzuschaffen.
  • Verzichte, wenn möglich, auf das Auto und geh zu Fuß, nimm das Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel. 
  • Wähle bei Großeinkäufen, für die du das Auto nehmen musst, Geschäfte, die möglichst nah gelegen sind.
  • Ist eine Reise mit dem Flugzeug oder dem Kreuzfahrtschiff für dich unverzichtbar, dann kompensiere die CO2-Emission deiner Reise durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten, z. B. bei atmosfair.de.

Soweit so gut. 

Ich lebe seit einigen Jahren im Kölner Stadtteil Ostheim. Seitdem ich Mutter bin, komme ich jedoch nur noch selten in die Innenstadt. Wenn doch, dann meist nur alleine. Oder ich fahre mit Auto, Kind und Kegel direkt bis in ein Parkhaus mitten in der City.  Eigentlich sehr schade, da ich sehr gerne Fahrrad fahre. Also nahm ich mir vor, es einmal zu wagen: mit Kind klimaschonend in die Kölner Innenstadt!

Selbstversuch 1: Mit Kind und dem Fahrradanhänger Richtung Neumarkt

Mein erster Versuch sollte mit dem Fahrrad und einem schmalen Einsitzer-Fahrradanhänger starten. Nachdem ich Fahrrad und Anhänger vom Keller auf die Straße bugsiert und fertig montiert habe, noch schnell das Kind von oben holen und auf geht’s! Bis wir loskommen, ist schon knapp eine halbe Stunde vergangen.

Der erste Teil der Strecke verläuft halbwegs entspannt durch ein kleines Waldstück. Kurz nach der ersten Ampel wird der Fahrradweg aber so eng, dass wir mit dem Anhänger kaum zwischen Bordsteinkante und den rechts parkenden Autos hindurchpassen. Außerdem haben Wurzelschäden den Radweg an einigen Stellen so zerstört, dass der kleine Anhänger wie wild hin und her springt. Im Schritttempo schaffe ich es bis zur nächsten Ampel und wechsle dort die Straßenseite. Auf der falschen Straßenseite fahre ich nun am schimpfenden Gegenverkehr vorbei bis zur Kalker Hauptstraße.

 Ein schmaler eingezeichneter Weg zwischen parkenden und fahrenden Autos ist hier für RadfahrerInnen vorgesehen. Zu interessieren scheint das aber niemanden wirklich. Ein Autofahrer nutzt den Radabschnitt als Parkplatz in zweiter Reihe. Ich muss anhalten und kann erst kurze Zeit später im großen Bogen weiterradeln.  Immer wieder rauschen Autos viel zu nah an uns vorbei oder ziehen vor mir an der Ampel so weit rechts rüber, dass ich mit dem Anhänger nicht an ihnen vorbeikomme. Da ich große Angst um mein Kind habe, fahre ich noch viel langsamer und vorsichtiger, als ich es hier alleine eh schon tun würde. Zum Glück! Denn plötzlich reißt die Fahrerin eines rechts parkenden Wagens die Türe auf, ohne uns zu beachten. Gerade noch rechtzeitig mache ich eine Vollbremsung und schreie die achtlose junge Frau wütend an. Mein Kind fängt an zu heulen. Mir reicht es für heute. Bei der nächsten Gelegenheit biege ich links ab und fahre über ruhigere Seitenstraßen zurück nach Hause.

Versuch 2: Mit der KVB und Car-Sharing in die Innenstadt

Aufgrund von Corona möchte ich lange Bus- und Bahnfahrten vermeiden. Deshalb mache ich als Nächstes einen Versuch mit einem Car-Sharing-Dienst. Da ich mir offen halten möchte, wo wir in der Innenstadt halten, kommt nur der Anbieter ShareNow infrage. Leider liegt unsere Wohnsiedlung außerhalb der vorgegebenen Parkzone. So stehe ich schon vor Beginn meines zweiten Selbstversuchs vor zwei Problemen. Erstens: Ich muss erst einmal mit meinem Kind zu einem Auto in etwa zwei Kilometern Entfernung kommen. Zweitens: der Kindersitz. 

Ich quetsche mein Kind in den eigentlich schon zu kleinen Maxi Cosi und befestige ihn auf dem Fahrgestell des Kinderwagens. (Den großen, schweren Kindersitz hätte ich unmöglich ohne Auto transportieren können.) Zu Fuß laufe ich schließlich knapp zehn Minuten zur nächsten KVB-Haltestelle. Nach fünf Minuten kommt die Bahn und weitere fünf Minuten später sind wir an der Haltestelle Kalk Kapelle. Mein Kind meckert und beschwert sich über den zu kleinen Sitz. Mit Dinkelkeksen ändere ich seine Meinung.

Wir steigen aus der Bahn und stehen vor dem nächsten Problem: Fahrstuhl defekt. Na super. Ich laufe zurück zur Treppe und bin mittlerweile der letzte Fahrgast am Gleis. Ich muss also den Kinderwagen alleine die zwei Etagen nach oben hieven. Das Level meiner Stimmung sinkt.

Etwas aus der Puste und weitere fünf Minuten später stehen wir schließlich vor dem von mir reservierten Kleinwagen: ein weißer MINI. Nun wieder guter Dinge, befestige ich den Maxi Cosi auf der Rückbank hinter dem Beifahrersitz und spendiere direkt noch eine Runde Dinkelkekse.

“Jetzt noch schnell das Kinderwagengestell in den Kofferraum”, denke ich. Fehlanzeige. Der Kofferraum ist zu klein. Oder der Kinderwagen zu groß. Wie auch immer: Es passt nicht. Frustriert knalle ich den Kofferraum wieder zu und befestige den Maxi Cosi wieder auf dem Fahrgestell. Ich drücke meinem Kind die Tüte mit den restlichen Keksen in die Hand und laufe zurück nach Hause.

Versuch 3: Mit dem Kindersitz auf dem Fahrrad zum Dom

Nach meinen ersten gescheiterten Versuchen beschließe ich, mich beim dritten Mal besser vorzubereiten. Ich hätte mir ja zum Beispiel einfach ein größeres Auto reservieren können oder vorab eine Fahrradroute heraussuchen können, die fahrradunfreundliche Straßen wie die Kalker Hauptstraße ausschließt. Spontan und flexibel ist mit Kind einfach nichts mehr – auch wenn ich es immer wieder versuche.

Ich entscheide mich bei Versuch drei wieder für mein Fahrrad. Dieses Mal aber mit Kindersitz auf dem Gepäckträger, statt mit Anhänger. So komme ich mir zum einen nicht  mehr vor wie ein LKW mit Anhänger und zum anderen fühlt es sich sicherer an, mein Kind wesentlich näher bei mir als neben den Autos auf der Straße zu wissen. Außerdem suche ich mir eine Radroute mit breiteren Radwegen und weniger Verkehr aus und fahre diese sogar vorher alleine ab. 

Wer selber Kinder hat, weiß, dass zu kleinen Ausflügen immer der halbe Hausstand mitgenommen werden muss: Windeln, Feuchttücher, etwas zu trinken, Snacks, Ersatzkleidung, falls sich das Kind vollkackt, etwas Spielzeug … Da mein Fahrrad keine Satteltaschen oder einen Korb am Lenker hat, versuche ich, unser Gepäck auf das Nötigste zu reduzieren und stopfe alles in einen kleinen Rucksack.

Die Sonne scheint und mit guter Laune starten wir in Richtung Dom zum Eisessen. Nach wenigen Minuten schon beginnt mein Kind an meinem Rucksack zu ziehen und zu zerren: “Mama! Tasche weg!” Ich rutsche auf meinem Sattel, so weit es geht, nach vorne und beuge mich mit meinem Oberkörper weit vor. Das ist nicht nur anstrengend, sondern auch unbequem. Nach der nächsten Ampel sitze ich wieder aufrecht und das Ziehen, Drücken und Jammern beginnt von vorn. Ich halte an und versuche, den Rucksack verkehrt herum auf der Brust zu tragen. Mein Kind macht das sehr glücklich. Aber nun rutschen mir die Träger immer wieder von den Schultern die Arme herab, sodass meine Oberschenkel bei jedem Treten gegen die Tasche schlagen. 

Ich fahre noch etwa 100 Meter so weiter. Dann entdeckte ich einen Spielplatz auf der anderen Straßenseite. Ich weiß, dass es hier auch eine Eisdiele gibt. Ich beschließe, dass wir für heute weit genug gekommen sind, und überrasche mein Kind spontan mit einer besonders großen Eistüte und einem Spielplatz, auf den wir sonst nie gehen. 

Ich werde mir nun Satteltaschen kaufen. Dann schaffen wir es beim nächsten Versuch ganz bestimmt bis über den Rhein!

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