Der Bachelor und der Bachelor

Der Bachelor: Ein akademischer Grad mit einer Regelstudienzeit von drei bis vier Jahren und eine Fernsehsendung auf RTL, in welcher ein attraktiver Junggeselle seine Lebenspartnerin finden soll.

Was haben der Bachelor und der Bachelor gemeinsam?

Auf den ersten Blick?

Nicht viel.

Auf den zweiten Blick?

Beide sind zum Kotzen!

Weshalb ich das TV-Format „Der Bachelor“ zum Kotzen finde, bedarf keiner großen Erklärung. Das ist wie mit einem Autounfall: Sehr schrecklich anzusehen, aber trotzdem schaffen wir es nicht richtig wegzuschauen. Eine höchst fragwürdige Vorgehensweise, den Partner beziehungsweise die Partnerin für’s Leben zu finden. Glaubwürdigkeit, Ernsthaftigkeit und Medienwirksamkeit in Form eines Zuschauermagnets stehen hier in keinem Verhältnis zueinander. Der Autounfall-Effekt scheint der Schlüssel zum Erfolg zu sein, den sich RTL aus den USA geklaut hat.

Weshalb der akademische Titel „Bachelor of XY“ zum Kotzen ist, bedarf hier eher einer Erläuterung.

Wenn ich meinem Papa von meinem Studium erzähle, schüttelt er jedes Mal wieder aufs Neue den Kopf über unser verschultes System. Ich erzähle ihm von Hörsälen, die so überfüllt sind, dass wir auf den Treppen sitzen. Ich erzähle ihm von einem Semesterende mit sechs Klausuren innerhalb von zwei Wochen. Ich erzähle ihm von Multiple-Choice-Klausuren. Ich erzähle ihm von Klausuren, die 1:1 die selben Fragen beinhalten wie die in den vorausgegangenen sechs Semestern. Ich erzähle ihm vom Auswendiglernen unzähliger Definitionen. Ich erzähle von Professoren, die ihre Powerpoint-Präsentationen vorlesen und von Studenten, die die Powerpoint-Präsentationen auswendig lernen. Ich erzähle ihm vom Bulimie-Prinzip der Studenten: Vorgegebenes auswendig lernen und in der Klausur auskotzen. Rein ins Kurzzeitgedächtnis und wieder raus. Und schon kommt die nächste Klausur: rein und wieder raus.

Für diese Kotzerei bekommen wir Noten. Alles wird benotet. Anwesenheitspflicht gibt es keine mehr. Es zählt nur, was wir in den Klausuren in kürzester Zeit auskotzen können. Und je mehr das Ausgekotzte dem ähnelt, was der Professor in seine Folien oder – besser noch –  seine eigenen Bücher gekotzt hat (die außer den Studenten kein Mensch kauft, geschweige denn liest), desto besser die Note am Ende. Jede Note zählt. Jede Note macht einen Teil unserer Bachelornote aus. Also je mehr unsere Kotze nach der Kotze des Dozenten aussieht, desto besser unsere Note am Ende.

Selber denken?

Fehlanzeige.

Wer sich für ein Thema über die Powerpoint-Präsentationen hinaus interessiert, selber recherchiert und sich mit sogenannter „weiterführender Literatur“ beschäftigt, tut das für sich selbst. In einer 60-minütgen Klausur zeigen, was man alles weiß und sich über Powerpoint-Folien hinaus angeeignet hat? In einer Multiple-Choice-Klausur oder einer Klausur, für die es Korrektur-Schablonen gibt, schlichtweg unmöglich. Seine Qualifikation auf dem Papier dadurch aufwerten, ist ebenfalls nicht möglich. Beschweren tut sich darüber aber auch kein Student, da die Zeit sich mit mehr als Powerpoint-Fraß zu beschäftigen einfach fehlt. Zu eng und straff ist dafür einfach der Zeitplan für einen Bachelor in Regelstudienzeit.

Von Hingabe und Leidenschaft zum Wesentlichen kann hier ebenso wenig die Rede sein wie beim lispelnden Leonard aus Berlin, der Bachelor 2016.

Aber so war das doch irgendwie auch schon in der Schule. Also geändert hat sich nicht viel. Wir lernen auswendig, was uns vorgegeben wird. Für mich kaum vorstellbar, dass das mal anders gewesen sein soll.

Mein Papa erzählt mir, dass früher in den Hörsälen geraucht wurde. Sowohl Zigaretten als auch die Köpfe haben geraucht. Er spricht von hitzigen Diskussionen mit den Dozenten. Spricht von politischen Debatten. Er spricht von Scheinen, die gemacht werden mussten. Scheine, die man für Anwesenheit, für Vorträge und für’s Selberdenken bekam. Richtige Klausuren gab es nur alle paar Semester.

Mein Papa hat sich während des Studiums viel mit Politik beschäftigt. Ist auf die Straße gegangen. Hat für Frieden in Vietnam demonstriert. Hat sich von der Polizei mit dem Schlagstock verprügeln lassen. Hat gegen AKWs gekämpft. Gekotzt hat er allenfalls, weil er zu viel Ethanol oder Lysergsäurediethylamid zu sich genommen hat. Für all das hatte er Zeit. Und was er damals gelernt hat, weiß er heute noch fast alles.

Trotz Ethanol und Lysergsäurediethylamid.

Das kann ich mit meiner Lern-Bulimie nicht behaupten. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich in meiner Klausur letzte Woche geschrieben hab.

Weg. Gelöscht. Ausgekotzt.

Was mich dazu bewegt hat, diesen Text zu schreiben? Es macht mich traurig, dass wir heute so wenig Möglichkeiten haben im Studium. So wenig Auswahl. So wenig Anreiz und Zeit zum Mit- und Selberdenken – um nicht zu sagen: Es kotzt mich an! Ein bisschen Schuld an diesem Text ist aber vielleicht auch ein kleiner Kater, den ich ein paar Kölsch zu viel von gestern Abend zu verdanken habe…

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