Liebe Frau Reker: Köln is e Jeföhl!

Diesen Brief verfasste ich im Januar 2016, im Anschluss an die Ereignisse auf dem Bahnhofsvorplatz in der Silvesternacht. Genauer gesagt: im Anschluss an die Reaktion von Kölns Oberbürgermeisterin zu den Ereignissen.

Liebe Frau Reker,

mein Name ist Charlotte. Ich bin Studentin an der Universität zu Köln und lebe nun seit fast sieben Jahren in dieser schönen Stadt. Seitdem ich mich erinnere, war es mein Traum eines Tages in Köln zu studieren und zu leben. Ich liebe diese Stadt. Köln ist meine Wahlheimat. Köln macht mich glücklich.

Ich möchte Ihnen eine kurze Geschichte erzählen:

Als ich mich vor einem Jahr mit einem Bekannten, einem gebürtigen Kölner unterhielt, und feststellte, dass es in Köln wenige „richtige“ Kölner gibt, wurde ich eines Besseren belehrt. Mein Bekannter sagte: „Falsch, es gibt sogar jede Menge ‚richtiger’ Kölner. Und du, Charlotte, du bist auch eine.“ Ich war verwundert – ich bin weder hier geboren worden, noch bin ich hier aufgewachsen – das wusste mein Bekannter. Und so erklärte er mir: „Um Kölner zu sein, musst du nicht hier geboren werden. Köln is e Jeföhl! (für alle nicht-kölschen Leserinnen und Leser: Köln ist ein Gefühl!) Und dieses kölsche Gefühl, das hast du.“

Ich fühlte mich geschmeichelt und lebe seither stolz und glücklich mit der Überzeugung eine richtige Kölnerin zu sein.

Warum ich diese Stadt so sehr liebe? Ganz einfach: Weil es für mich in ganz Deutschland keine andere Stadt gibt, die so viel Lebensfreude, so viele Gegensätze, so viel Toleranz, und so viel Wir-Gefühl miteinander vereint. Köln vereint all diese Dinge und hat deshalb eine ganz eigene Mentalität. Eine Mentalität, die aus viel mehr als nur ‚rut un wiess’, dem F.C., dem Karneval, dem Cologne Pride und dem Kölsch besteht. Es lässt sich für mich schwer in Worte fassen. Es ist eben ein Jeföhl. Und ich war mir sicher, dass Sie als gebürtige Kölnerin dieses Gefühl ebenso gut kennen wie ich.

In Köln ist es egal, ob du jung oder alt bist. In Köln ist es egal, ob du groß oder klein bist. In Köln ist es egal, ob du lesbisch oder schwul bist. In Köln ist es egal, ob du Türke oder Italiener bist. In Köln ist es egal, ob du Gaffel oder Reißdorf trinkst. In Köln ist es egal, ob du rut oder wiess bist. In Köln ist es egal, ob du lieber de Höhner oder Kasalla hörst. In Köln ist es egal, ob du Mann oder Frau bist. So glaubte ich zumindest.

Frau Reker, letzten Herbst wollten Sie meine Stimme. Sie wollten meine Stimme, und die so vieler anderer Kölnerinnen. Und diese Stimmen haben Sie bekommen.

Was Silvester am Kölner Hauptbahnhof passiert ist, war tragisch. Tragisch und erschreckend – keine Frage. Kein Kölner und besonders keine Kölnerin hofft, dass so etwas je wieder passiert.

Liebe Frau Reker, doch nun raten Sie uns Kölnerinnen, gewisse Verhaltensratschläge „präventiv“ zu befolgen, um zukünftig sicherer zu sein: Wir sollen vorsichtiger sein, uns „in Gruppen bewegen“ und „Distanz“ zu Menschen wahren, zu denen wir kein „gutes Vertrauensverhältnis“ haben – Abstand zu Fremden wahren, wenn wir in wenigen Tagen den Kölner Karneval feiern. Karneval mit „einer Armlänge“ Distanz – aber wie soll das gehen?

Liebe Frau Reker, ich bin traurig. Traurig, aber noch viel mehr empört. Ich bin empört aus zweierlei Gründen:

Zum einen nehmen Sie mir mit ihren Ratschlägen mein Kölsch-Jeföhl: Das Jeföhl, dass kölsche Arme in erster Linie zum Händereichen,  Winken, Umarmen und Schunkeln da sind und nicht etwa zum Abstand halten.

Das Jeföhl in einer Stadt zu leben, in der alle irgendwie gleich sind, egal wie unterschiedlich sie doch sind. Ich bin eine Frau. Ziemlich genau die Hälfte aller in Köln lebenden Menschen sind Frauen. Kölnerinnen. Ich habe an der Uni Köln viel über die Themen Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Gender, Sex und Sexismus gelernt. Wie es sein sollte, und wie unsere Realität dennoch aussieht. Leider.

Trotzdem hatte ich immer das Jeföhl, dass diese Stadt vielen anderen Städten wenigstens ein paar Schritte voraus ist: Ein paar Schritte weiter in Sachen Gleichberechtigung, Toleranz und Chancengleichheit. Ein paar Schritte weiter im Kampf gegen Sexismus.

Und nun diese Worte von Ihnen: Von Ihnen, einer gebürtigen Kölnerin, geboren mit dem kölschen Jeföhl (so will ich hoffen). Von Ihnen, einer Frau.

Ich weiß, Sie haben sich bereits entschuldigt. Aber trotzdem, auch Tage später, ist mein Gefühl der Empörung größer als das, meines aktuell noch vorhandenen kölschen Jeföhls.

Sie haben die Stimmen so vieler Kölnerinnen erhalten. Bitte vergessen Sie das nicht, und machen Sie was daraus.

Hochachtungsvoll mit jecken Grüßen

Charlotte, eine Kölnerin

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