Die Adjektiv-Diät! Jetzt ausprobieren!

Fasten mal anders: Durch Adjektiv-Fasten schnell zum Erfolg – mit knackigen Sätzen zu ansprechenden Texten. Die Diät für alle leidenschaftlichen Autoren, Texter und Schreibende jeder Art.

Aber warum überhaupt auf Adjektive verzichten?

Unter einem Adjektiv ist diejenige Wortart zu verstehen, welche die Beschaffenheit eines konkreten Dinges oder einer Sache, einen Vorgang oder einen Zustand beschreibt. Unter Grundschülern auch als „Wie-Worte“ bekannt. Adjektive bringen Farbe, Leben und Anschaulichkeit in Texte. Mit ihrer Hilfe können Verfasser den Lesern ein besonders genaues Bild vermitteln. Ohne Eigenschaftsworte ist es gar nicht möglich zu beschreiben, wie beispielsweise eine Person aussieht oder was sie macht – so haben wir es zumindest in der Schule gelernt. Je mehr Adjektive wir als Schulkinder in unsere Aufsätze packten, desto besser waren unsere Noten. Und so kam es, dass heute hier und dort wild mit Adjektiven um sich geschmissen wird. Die Folge sind doppelte Moppelungen, Floskeln und Fehlinterpretationen, so weit das Auge reicht.

Der weiße Schimmel moppelt doppelt

Immer wieder ist zum Beispiel von nassem Regen oder der warmen Sonne zu lesen. Dabei liegt es in deren Natur, nass beziehungsweise warm zu sein. Auf Adjektive redundanter Natur kann deshalb ohne Verlust verzichtet werden.

Die finsteren Machenschaften der Floskel

Feststehende Redewendungen wie dunkle Ahnung, bittere Wahrheit oder blaues Wunder gehen in das eine Ohr – oder Auge – hinein und zum anderen wieder raus. Ohne das Beschriebene auch nur ein kleines Bisschen genauer dargestellt zu haben. Sie verleihen einen Text weder Anschaulichkeit noch führen sie zu mehr Verständlichkeit. Wozu also einen Text damit vollstopfen?

Die tragische Fehlinterpretation

Viele Beispiele widerlegen, was uns in der Grundschule gelehrt wurde. Während der Verfasser eines Textes möglichst anschaulich darstellen will, wie groß, schön, weitläufig und wunderbar eine Szenerie ist und fleißig ein Wie-Wort an das nächste reiht, kann es passieren, dass der Leser sich die beschriebene Landschaft ganz anders vorstellt als der Texter es beabsichtigt. Denn was groß, schön, weitläufig und wunderbar ist, dass definiert jeder Mensch für sich allein. Also kann auch auf diese Art der Adjektive getrost in Zukunft verzichtet werden, ohne dass Einbuße befürchtet werden müssen.

Eine Adjektiv-Diät scheint also einfacher, als jede Ernährungsumstellung, die ein schlankes Aussehen verspricht.

Wie einfach aber ist die Umsetzung der neuen Wort-Diät? Wie viel Selbstbeherrschung ist erforderlich und wie stark der innere Schweinehund? Und besonders interessant: Wie äußert sich letztendlich der erzielte Effekt?

Ein kleiner Selbstversuch soll diese Fragen beantworten. Die Challenge: ein Porträt mit Adjektiv-Nulldiät.

Der Obdachlose vom Neumarkt

Seitdem ich vor sieben Jahren nach Köln gezogen bin, sehe ich ihn in immer wieder bei meinen Einkaufsbummeln durch die Kölner Innenstadt oder, wenn ich gerade von der Linie 18 in die Linie 1 umsteige: den Obdachlosen vom Neumarkt. Von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr beobachte ich nun schon seinen physischen, psychischen wie auch sozialen Verfall. Meine Gefühle und Gedanken sind hierbei jedes Mal aufs Neue eine Mischung aus Ekel, Mitleid und Sorge, wobei Letztere mittlerweile überwiegt. Er ist mir über die Jahre tatsächlich ans Herz gewachsen. Und wenn ich ihn einige Zeit nicht gesehen habe, befürchte ich das Schlimmste. Eventuell wäre sein Ableben für ihn selbst sogar eine Erlösung, wenn man den Zustand bedenkt, in dem er sich mittlerweile befindet.

„Haben Sie was Kleingeld übrig?“, nuschelt der Obdachlose vom Neumarkt den Passanten zu, die sich die Nase rümpfend ohne eine Antwort von ihm abwenden. Man riecht ihn schon aus mehreren Metern Entfernung – eine Komposition aus Schnaps, Schweiß, Urin und Erbrochenem hat sich in seinen Haaren, seinem Bart und seiner Kleidung festgesetzt. Seine Haare auf dem Kopf und im Gesicht wuchern, wie man es von den Phantombildern des Schneemenschen Jeti kennt. Sie haben lange weder Schere, Wasser noch Bürste gesehen. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hat er auch keinerlei Ambitionen, es in diesem Leben noch zu ändern.

Er trägt eine Jeans, die mehr aus Löchern als aus Stoff zu bestehen scheint. Ein T-Shirt, das mindestens drei Nummern zu groß ist und vor Dreck steht, bedeckt seinen Oberkörper. „Haut und Knochen“, schießt es mir durch den Kopf. Und ich frage mich, wann er das letzte Mal etwas gegessen oder etwas Alkoholfreies getrunken hat. Um den Nacken hat er – wie jedes Mal, wenn ich ihn antreffe – ein Handtuch gelegt. Es ist fraglich, ob er dieses zum Wärmen, Abtrocknen oder Putzen verwendet. Vermutlich ist alles zutreffend.

Hunger, die Sucht nach Alkohol oder womöglich einer härteren Droge treiben ihn voran. Der Stadtstreicher schleppt sich von Mann zu Frau und von Frau zu Mann und bettelt. Seine Art zu gehen deutet darauf hin, dass er die eine oder andere Verletzung oder Krankheit von der Straße unbehandelt ließ und niemals auskurieren konnte, da er immer nur eines zu tun hatte: Geld für den nächsten Rausch beschaffen.

Der Abstand zwischen uns verringert sich. „Sch… Sch…“ macht seine Hose, die über seinen Schuhen auf der Straße schleift bei jedem seiner Schritte. Erst jetzt fallen mir die Flecken in seinem Gesicht auf. Die Zusammensetzung der Farben Gelb, Blau und Grau wirken, als hätte sich ein Kind mit dem Wasserfarbkasten ausgetobt. Der Arme gehört dringend in ein Krankenhaus. Auch wenn ich keine Ärztin bin – dieser Mann ist nicht nur physisch schwerkrank. Mittlerweile ist er so nah an mich herangehumpelt, dass ich erkenne, wie ihm am Hinterkopf an zwei Stellen die Haare ausgefallen sind. Ich überlege kurz die Symptome Haarausfall und Flecken im Gesicht in das Suchfeld meines Browsers einzutippen, verwerfe den Gedanken aber wieder.

Der Obdachlose humpelt weiter und lässt sich nicht beeindrucken von den Reaktionen der Vorübergehenden. Zu mir kommt er nicht. Bei seiner nächsten Anlaufstelle hat er Glück: Eine Studentin mit Rastazöpfen winkt ihn zu sich herüber und dreht ihm eine Zigarette. „Hm, danke dir“, sabbert er durch seinen Bart, dessen Farbe an Senf weit über dem Mindesthaltbarkeitsdatum erinnert. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich über seinen Erfolg freue und lächle in mich hinein.

Meine Bahn fährt ein und versperrt mir die Sicht. Gemeinsam mit den anderen Wartenden steige ich ein. „Wann sehe ich den wohl wieder…“, denke ich noch. Dann schließen sich die Türen. Meine Fantasie, wie er bei unserer nächsten Begegnung aussehen könnte, lässt mich schaudern. Ich hole mein Handy aus der Hosentasche und beginne damit, eine Einkaufsliste für das Abendessen zu erstellen. Es gibt Mango-Curry mit Hähnchen und Reis.

Fazit

Rückblickend auf meinen Selbstversuch, komme ich zu dem Schluss: Gänzlich auf Adjektive zu verzichten, fällt mir ebenso schwer, wie der Verzicht auf Kohlenhydrate oder Schokolade. Physischen, psychischen und Verfall ohne Adjektive zu umschreiben, fand ich beispielsweise unangebracht. Die Umschreibung wäre so umständlich geworden, dass es den Lesefluss zu stark beeinträchtigt hätte und ich mit meiner Adjektiv-Diät ihr eigentliches Ziel verfehlt hätte: leserfreundliches Schreiben.

Bei der Verwendung von Adjektiven ist demnach das Gleiche zu beherzigen wie bei einer gesunden Ernährung. Es kommt auf ein ausgewogenes Maß an. Adjektive haben ebenso ihre Daseinsberechtigung und unverzichtbare Wirkung wie Kohlehydraten und Schokolade. Nur übertreiben sollte man es mit ihrem Konsum nicht. Als Faustregel werde ich mir für die Zukunft merken: Jedes zweite Adjektiv kann ohne jegliche Verluste getrost gestrichen werden. Dann klappt das auch mit der Bikinifigur.

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