Frühling im Februar

Prolog

Langendahlweg, ein Selbstversuch: Als junge Mutter mit kleinem Baby ist nichts mehr, wie es einmal war. Es ist wunderbar, aber anders. Auf der Suche nach einem Weg eine neue Schreibroutine zu entwickeln, komme ich zu diesem Selbstversuch.

Früher bin ich einfach joggen gegangen, habe während des Laufens geträumt und mir einen Text im Kopf zusammengebastelt. Zurück zu Hause setzte ich mich verschwitzt an den Schreibtisch und schrieb mein Gedankenwerk nieder. Das geht nun nicht mehr mal eben so. Dazu durchkreuzt mein Nachwuchs zu oft meine Pläne und auch mein Beckenboden macht da noch nicht mit.

Deshalb hier ein neuer Ansatz: Bei einem Spaziergang meine Gedanken mit Hilfe einer Sprachmemo festhalten und später, jedoch möglichst zeitnah, zu Papier bringen. Ein Spaziergang mit Kind und Diktierfunktion auf dem Handy – viele Fliegen mit einer Klappe schlagen: Baby schläft, ich kann abschalten, die Natur genießen, mich inspirieren lassen und neue Textideen – vorerst als Audiodatei – festhalten. Obwohl ich es nicht mag, meine eigene Stimme zu hören, wage ich das Experiment. Ich laufe los, erlaube der Sprach-App noch kurz mich zu orten und so erhält meine erste Audio-Datei den Namen Langendahlweg.

Frühling im Februar

Wenn die ersten Schneeglöckchen sprießen: erst nur das Grün, dann das Schneeweiß. Plötzlich sind auch die ersten Krokusse da: erst nur grün, dann in so vielen bunten Farben – versteckt zwischen den Überbleibseln des vergangenen Herbstes, entdecke ich sie, irgendwo im braunen Laub. Langsam lässt sich erahnen, wie schön es sein wird, wenn die braunen kahlen Bäume, langsam, Stück für Stück, bald wieder in saftigem und sattem Grün erstrahlen.

Es ist Sonntag. Ein Sonntag im frühen Februar. Ich habe den Eindruck, als habe sich dieser Tag vorgenommen, uns zu zeigen, wie er zu seinem Namen kam:

Die warme Sonne steht hoch am Himmel, durchflutet unsere gesamte Wohnung, erwärmt sie aus Richtung Süden. Es ist so warm, dass ich die Heizung nicht mehr anstellen brauche. Doch sie spendet nicht nur Wärme für unser kleines Heim, sondern gleichzeitig auch für meine Haut, meinen Körper, mein Gemüt, mein Herz. Ich muss lachen. Einfach so. Ich lache mit der Sonne.

Ich mache mir einen Kaffee, trete hinaus auf unseren Balkon und versuche jeden einzelnen Sonnenstrahl aufzusaugen. Ich atme, schlucke Kaffee und atme. Ich atme milde Frühjahrsluft und spüre sanften warmen Wind in meinem Gesicht. Ich atme, schlucke Kaffee und lausche. Die Vögel veranstalten ein wahres Konzert. Die Philharmonie der Natur scheint aus dem Winterschlaf erwacht. Dirigentin ist die Sonne und Amseln, Finken, Spatzen und Drosseln musizieren um die Wette. Es klingt schöner als jedes Vogelgezwitscher, das uns in der Sauna vorgespielt wird und für eine besonders tiefe Entspannung sorgen soll. Das hier kommt nicht aus einer Musikbox. Das hier ist echt.

Ich verlasse spontan das Haus, ohne einen Plan oder ein Ziel, ziehe nur eine dünne Jacke über, schlüpfe in die Turnschuhe und gehe los – raus in die Sonne. Ich erinnere mich an vergangenen Sommer: wie schön es war immer nur in kurzer Hose, leichtem Shirt und Sandalen hinauszugehen, ohne Stiefel, ohne Mantel, ohne Mütze, ohne Schal. So leicht bekleidet. So leicht mein Herz.

Die warme Luft weckt noch weitere Erinnerungen aus letztem Jahr in mir: Nachmittage am See, unzählige Ausflüge mit dem Fahrrad, Picknick im Park, endlos scheinende milde Sommerabende, den Grill anschmeißen, Weißwein trinken, die Sterne am Sommernachtshimmel bewundern, dabei dem Zirpen der Grillen lauschen und sich über Glühwürmchen freuen die durch die Nacht tanzen. Ich bin gespannt auf den nächsten Sommer, der bereits vor der Tür zu stehen scheint. Wie ein alter Freund, der mich endlich bald wieder besuchen wird.

Ich laufe den Weg entlang bis hin zum Wald. Offensichtlich bin ich nicht die Einzige, die dieser Tag nach draußen gezogen hat: andere Spaziergänger, Jogger, Radfahrer, alleine, zu zweit und in Gruppen, ganz egal ob alt und jung. Auch die Motorradbesitzer und Autofahrer, die ihre Cabriolets spazieren fahren, hat es auf die Straßen gezogen. Die Spielplätze sind so voll mit jungen Familien, dass die Kinder an der Rutsche Schlange stehen. Und in weiter Ferne entdecke ich am Himmel sogar einen Heißluftballon. „Hallo lieber Frühling“, denke ich „du kleiner Bruder vom Sommer“.

Einen Tag später komme ich an einem Supermarkt vorbei. Aus dem Schaufenster lachen sie mich an: ein paar erste Erdbeeren aus Spanien im Sonderangebot. Ich weiß es ist unangebracht, aber ich kann nicht widerstehen – die Frühlingsgefühle und die Vorfreude auf den Sommer haben mich gestern überwältigt. Für 1,49 Euro kaufe ich ein kleines Schälchen und bin später zurück zu Hause überrascht, wie lecker ein paar Erdbeeren auch schon im Februar sein können. Ich kann ihn förmlich schon schmecken: den Sommer..

„Oh Sommer, wie schön dich bald wieder bei uns zu haben“, denke ich. „Du hast mir sehr gefehlt.“

Epilog

Für meinen ersten Versuch ganz in Ordnung, finde ich. Die Sonne hat mir wahrlich viel Energie, positive Gedanken und Muse geschickt. Ich hoffe das Wetter hält sich erst einmal.

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