Über Chancengleichheit, Physische Attraktivität und Schmetterlinge

„Chancengleichheit“ – ein omnipräsentes Thema unserer Gesellschaft, welches mich, mit all seinen Facetten, schon seit einigen Jahren immer wieder beschäftigt. Zuerst waren da die offenkundigen Benachteiligungen von Homosexuellen, Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund und der falschen ethnischen Zugehörigkeit oder Religion. Besonders verblüfft war ich dann, als ich vorletztes Semester in einem Seminar mit dem Titel „Physische Attraktivität“ mehr und mehr zu verstehen begann, dass das optische Erscheinungsbild eines Menschen eine bisher in meinem Bewusstsein latent gebliebene Form der potentiellen Benachteiligung oder Bevorzugung darstellt. Es gibt bereits ein unüberschaubares Ausmaß an betriebener Forschung zu eben diesem Thema.

Untersucht wurden die unterschiedlichsten Altersabschnitte, Ethnien und Kulturen in den nur erdenklichsten Lebens- und Alltagssituationen. Die Ergebnisse deuten alle in die gleiche Richtung: Schöne Menschen haben es leichter im Leben. Beginnend vom Moment der Geburt an, lässt sich dieser Befund konsequent durch sämtliche Lebensabschnitte beobachten. Süße Babys bekommen von ihren Müttern mehr Küsschen und Zuneigung, schöne Kinder sind im Kindergarten beliebter und Fehlverhalten wird ihnen eher nachgesehen als weniger schönen Kindern. In der Schule bekommen gutaussehende Kinder im Schnitt bessere Noten und auch später im Beruf verzeichnen attraktive Menschen ein durchschnittlich höheres Einkommen als physisch weniger attraktive Konkurrenten. Zu schönen Menschen sind wir insgesamt freundlicher und hilfsbereiter.

Du denkst jetzt wahrscheinlich „die Schönheit liegt aber im Auge des Betrachters“.

Was wir als schön empfinden, darüber sind wir uns – im Großen und Ganzen – weltweit einig. Ausnahmen und unterschiedliche Geschmäcker sind hierbei nur die Bestätigung der Regel. Auch hierzu finden sich genügend Studien, die dies belegen. Symmetrie, eine schöne Haut und Merkmale des typischen Kindchenschemas sind dabei die wesentlichen unserer Vorlieben – Schönheitshandlungen wie Frisuren, Kleidung und Make-Up außen vor gelassen.

Du glaubst, dass du nicht so oberflächlich bist?

…dass du dich nicht so einfach von reinen Äußerlichkeiten beeinflussen lässt? Dass du einem weniger attraktiven Menschen nicht genauso deine Hilfe anbieten würdest? Dass du einem schönen Menschen, den du nicht kennst nicht eher positive Charaktereigenschaften zutrauen würdest?

Das dachte ich auch von mir. Doch ein wenig Aufmerksamkeit im Alltag belehrte mich eines Besseren: Sowohl bei meinen Mitmenschen, als auch bei mir selber konnte ich erschreckend oft die in den Studien untersuchten Phänomene beobachten. Nach einiger Zeit fühlte ich mich jedoch höchst sensibilisiert für dieses Thema und glaubte nun nicht mehr so oberflächlich wie alle anderen zu sein. Glaubte ich. Bis ich mich diesen Sommer den schönsten Mann der Welt verliebte.

Der Schönling:

Meine Freunde nennen ihn nur noch den „Schönling“, obwohl er zu allem Überfluss auch noch einen wunderschönen Namen gehabt hätte. Doch ihn auf sein Äußeres zu reduzieren schien im Nachhinein als angemessen.

Nach viel zu vielen Jahren eines aussichtslosen „Es ist kompliziert“ kam er mir gerade recht: Der Schönling war makellos von Kopf bis Fuß. Egal ob gestylt oder gerade aufgewacht – er war immer so schön, dass es fast weh tat ihn anzusehen. Beginnend bei den Haaren, weiter über seinen perfekt trainierten Oberkörper, Bizeps, Trizeps, seine gepflegten Händen, seinen Hintern, über die Waden bis hin zu den wahrscheinlich schönsten Männerfüßen der Welt. Kurzum: Er hat mich einfach umgehauen. Und das bereits bevor wir überhaupt ein Wort gewechselt hatten und bevor er seinen Oberkörper vor mir entblößte.

Dass er etwas jünger war als ich, einen sehr arroganten und proletigen Eindruck machte und vor jedem Spiegel, an dem er vorbeilief, stehen bleiben musste um seine Frisur und seine Muskeln zu bewundern, übersah ich zu Beginn großzügig. Immerhin stellte sich irgendwann heraus, dass er mich auch nicht ganz übel zu finden schien. Noch viel besser: Es schien ihm dabei nicht um eine einmalige Sache oder Affäre zu gehen. Dafür verbrachte er einfach zu viel Zeit mit mir. Ich fühlte mich wie 14. Und wie der küssen konnte!

Meine Welt war rosarot.

Mit der Zeit musste ich mir jedoch eingestehen, dass das aber auch alles war was er konnte: Küssen und gut aussehen. Er war dazu übergegangen „unser Ding“ weitestgehend unverbindlich, aber dennoch exklusiv zu halten, um sich sämtliche Optionen zu bewahren. Naja, vielleicht auch besser so. Wahrscheinlich wäre es für mich eh noch zu früh gewesen mich schon wieder auf etwas ernsthaftes Neues einzulassen…

Unsere Gesprächsthemen waren auch nach Wochen noch maximal oberflächlich und flach, er hatte es immer noch nicht geschafft mir nur ein einziges Kompliment zu machen und seine Bestzeit in Sachen Bett-Performance betrug höchstens drei Minuten. Er musste sich einfach keine Mühe geben und ich fand ihn trotzdem weiterhin toll. Denn trotz allem verbesserte sich meine Laune immer noch um ein Vielfaches, wenn er sich mal wieder bei mir meldete und mir eines seiner süßen Selfies schickte. Mir war dabei mittlerweile aber absolut bewusst geworden, dass er auf keinen Fall ein Mann für eine ernsthafte Beziehung war. Aber dennoch – er hatte mich einfach umgehauen und ich konnte nicht anders als ihn wunderbar zu finden und genoss weiterhin die flatternden bunten Falter in meinem Bauch. Immerhin war nun ER in meinem Kopf und seit langem endlich nicht mehr meine viel zu lange On-Off-Geschichte. Ich weiß nicht was genau ich mir erhoffte. Aber mir ging es gut. Und das reichte mir für den Moment.

Endgültig die Augen geöffnet bekam ich dann einige Wochen später, als er mir dann sagte, dass er sich „mit einer anderen getroffen“ hätte. Von meinem guten Freund Mark, der an diesem Abend dabei war, musste ich dann erfahren, dass es zwei Frauen waren mit denen der Schönling geknutscht hatte und dass er danach noch eine dritte mit nach Hause genommen hat. Von wegen „mit einer anderen getroffen“! Ich war geschockt und trauriger als ich mir eingestehen wollte. Ich frage mich, ob er mir wohl je etwas gesagt hätte, wenn Mark nicht dabei gewesen wäre. Ich frage mich, wovon ich wohl sonst nichts wusste. Ich frage mich, wie ich so naiv, dumm und blind sein konnte.

Der Schönling ergänzte noch „Sorry. Das war nicht geplant. Das kam so spontan.“ Woraufhin ich nur fragte: „Du oder sie?“.

Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass ich mich von ihm und seiner Schönheit genauso habe blenden lassen, wie alle anderen Frauen, die ihm täglich über den Weg laufen.

Ich habe das in so vielen Situationen, in denen ich mit ihm unterwegs war, gesehen: Noch nie habe ich die Kellnerin beim Italiener so strahlen sehen. Noch nie habe ich gesehen, wie hilfsbereit eine REWE-Verkäuferin tatsächlich sein kann. Noch nie… Noch nie habe ich mich selbst so oberflächlich gefühlt, wie als ich feststellte, dass sämtliche Schmetterlinge in meinem Bauch reinen Äußerlichkeiten entspringen. Ich war tatsächlich davon überzeugt gewesen, dass dies im tiefsten Inneren bestimmt ein guter Mensch sein muss, nur weil er so wunderschön ist. Doch es stellte sich heraus, dass der Schönling tatsächlich dumm und oberflächlich, und nicht tiefgründig und geheimnisvoll war.

Mit ein bisschen Abstand bin ich ihm dennoch dankbar: Ich habe geknutscht wie eine 14-Jäjhrige, ich hatte viele Schmetterlinge im Bauch und sehr viel gute Laune diesen Sommer. Zudem wurde ich wieder einmal darauf aufmerksam gemacht, wie schnell wir uns von Äußerlichkeiten beeinflussen lassen. Aber das Beste am Schönling ist, dass er mich trotz allem so sehr umgehauen hat, dass meine On-Off-Episode hoffentlich für immer im Off-Status bleiben wird.

Und eigentlich kann uns so ein Mensch doch nur leidtun: Ich persönlich wäre sehr traurig, wenn sich Männer einzig und allein aufgrund meines Aussehens in mich verlieben würden und ich darüber hinaus Nichts zu bieten hätte. Ich würde mir vielleicht auch drei verschiedene Männer jede Nacht suchen, aber ich würde mich dabei ziemlich einsam fühlen.

Ich möchte deshalb der Attraktivitätsforschung die Frage stellen: Angenommen schöne Menschen haben es wirklich leichter im Leben, sind sie dann auch glücklichere Menschen?

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